Ist das Anschreiben im Zeitalter von KI noch ein Relikt aus der Papierbewerbung?

12. Juni 2026 | Autorin: Giuseppina Cavina Pratesi |4 Min.

Eigentlich wollte ich diesen Artikel genauso starten wie diesen Kommentar, der sogar bei den Linkedin News erwähnt wurde und über 5.939 Impressions erzielt hat:

“Nun kommen wir an dieser Stelle zu der Frage, die so heiß ist wie Frittenfett“; Ist das Anschreiben noch ein Relikt aus der Papierbewerbung? Würde ein Anschreiben hier zur guten Lösung führen? Oder liest man als Recruiter dann das 100ste KI generierte Anschreiben, das so perfekt zur Stellenausschreibung passt? Wie viel sagt ein Anschreiben noch aus? Wieviel Persönlichkeit steckt da noch drin?Und wie würde ein guter CV aussehen, der dir genau zeigt, wofür der Kandidat steht?”

Denn das ist genau der richtige Einstieg, weil er die Kernfrage schon auf den Punkt bringt, denn das Thema wird heiß diskutiert: Lohnt sich das Anschreiben im Zeitalter von KI überhaupt noch, oder ist es ein Relikt aus der Papierbewerbung?

Anschreiben im Zeitalter von KI

Anschreiben im KI-Zeitalter

Immer mehr Bewerbende nutzen KI, um Anschreiben zu erstellen, zu kürzen, zu optimieren und sie perfekt an die Stellenanzeigen anzupassen. Eine aktuelle Auswertung von Haufe verweist auf eine Statista-Umfrage aus Januar 2026: 51 Prozent der Befragten nutzen KI für das Anschreiben, 39 Prozent für den Lebenslauf. Gleichzeitig setzen Unternehmen selbst KI-gestützte Systeme ein, um Bewerbungen zu filtern, Texte auszulesen und Kandidat:innen vorzusortieren.

Genau deshalb wirkt das alte Anschreiben oft wie eine doppelte Schleife aus Automatisierung: Bewerbende lassen sich von KI helfen, Unternehmen scannen und filtern mit KI. Am Ende bleibt dann von Persönlichkeit oft erstaunlich wenig übrig.

Das klassische Anschreiben verliert an Wert

Wer von uns hat sich damals nicht stundenlang Gedanken darüber gemacht, welche Skills zu den Anforderungen der Stelle passen und wie man sie am besten formuliert, ohne überheblich zu klingen? Ich fand es furchtbar.

Früher hatte das Anschreiben eine klare Funktion, denn es sollte nicht nur  Motivation zeigen, Interesse begründen und die eigene Eignung in Worte fassen, sondern sich damit von all den anderen Bewerbern unterscheiden.

Heute erfüllt es diese Aufgabe immer seltener. Denn wo KI in Sekunden aus Stichpunkten einen fehlerfreien Text macht, sinkt der Erkenntniswert für HR deutlich. Das Problem ist nicht nur die Technik, sondern die Austauschbarkeit. Wenn viele Bewerbungen ähnlich klingen, sauber formuliert und keyword-optimiert, sinkt der Erkenntniswert für HR. Der Text zeigt dann eher, wer gut prompten kann, als wer wirklich passt. Wer also  die richtigen Tools kennt, wirkt im Bewerbungsprozess schnell überzeugender als andere, unabhängig von fachlicher Eignung. Das Anschreiben wird damit weniger zum Qualifikationsnachweis als zum Stil- und Tooltest.

Hinzu kommt auch noch, dass viele Bewerberinnen und Bewerber ihren  KI-Einsatz im Prozess lieber verbergen wollen, weil sie unsicher sind, wie Unternehmen darauf reagieren. Das macht das Anschreiben noch weniger zu einem ehrlichen Einblick in Persönlichkeit, Motivation und Arbeitsweise.

Warum es nicht einfach verschwindet

Trotzdem ist das Anschreiben nicht komplett erledigt. Einige Recruiter:innen halten es nach wie vor für wichtig, weil sie darin Motivation, Reflexionsfähigkeit und Passung erkennen wollen. Gerade in einem kurzen, klaren Format kann es noch zeigen, ob sich jemand wirklich mit Rolle und Unternehmen beschäftigt hat. Gerade dann, wenn es kurz, konkret und an eine echte Frage gekoppelt ist, zeigt es mehr über Haltung als über Stil.

Praxisimpuls für HR: Das Anschreiben im KI-Zeitalter sinnvoll weiterentwickelt

Statt die Debatte auf „Anschreiben ja/nein“ zu verengen, lohnt es sich, das Format mutig neu zu denken.  Drei konkrete Hebel:

a. Format ändern

  • Maximal 10–12 Sätze oder 3 prägnante Fragen (z.B. „Warum diese Rolle?“, „Warum wir?“, „Was bringst du mit, was uns konkret weiterbringt?“).
  • Alternativ: Short-Form „Motivations-Pitch“ im Bewerbungsformular statt Upload-Pflicht für ein klassisches PDF.

b. KI aktiv adressieren statt ignorieren

  • In der Ausschreibung transparent machen: „KI-Nutzung ist völlig okay, entscheidend ist, dass der Inhalt stimmt und zu dir passt.“
  • Im Gespräch nachfragen: „Wo hat dir KI geholfen, und welche Teile stammen bewusst von dir?“ So wird KI zum Gesprächsanlass für Selbstreflexion und Lernkompetenz.

c. Anschreiben als Kulturfilter nutzen

  • Gezielt Fragen stellen, die Haltung und Lernbereitschaft sichtbar machen, z.B. „Erzähl uns von einem Moment, in dem du deine Meinung durch neue Daten oder Feedback geändert hast.“
  • Die Antworten nicht an „Schreibeleganz“, sondern an Denkqualität, Klarheit und Wertepassung bewerten.

Autorin: Giuseppina Cavina Pratesi

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