„Wir nehmen alle mit.“ Der gut gemeinte Satz, der Change-Projekte gefährdet

12. August 2026 | Autorin: Anna-Lisa Hecht |4 Min.

Ein Versprechen, das fast jede Transformation begleitet

In Kick-off-Präsentationen, in Town Halls, in Führungskräfte-Briefings: „Wir nehmen alle mit“ gehört zu den meistgesprochenen Sätzen in Veränderungsprozessen. Er klingt nach Fürsorge, nach Beteiligung, nach gutem Willen. Genau deshalb wird er selten hinterfragt.

Dabei ist es schlicht nicht möglich, alle mitzunehmen. Im besten Fall gelingt es, viele zur Kooperation zu bringen, manche sogar zu begeistern. Es wird aber immer Menschen geben, die nicht mitgenommen werden wollen, die sich entschieden haben, dass diese Veränderung nicht ihre ist. Kein noch so gut getimtes Update und keine Roadshow wird das ändern. Ganz abgesehen davon, dass es nicht möglich ist „alle mitzunehmen“, stellt sich auch die Frage: Sind wir als Unternehmen und Führungsteam auch bereit, das tatsächlich zu tun?

Change-Projekte - Anna-Lisa Hecht

Was ich in der Praxis erlebe

Was ich immer wieder beobachte, ist, dass oft gar keine wirkliche Bereitschaft gibt, Mitarbeitende tatsächlich an der Lösung zu beteiligen. Die Realität ist eher: Die Entscheidung ist gefallen, jetzt muss es laufen. Ich kann das sogar nachvollziehen. Führungskräfte stehen unter enormem Druck, es muss schnell gehen, Deadlines sind ambitioniert, die To-do-Listen lang. Beteiligung fühlt sich in diesem Kontext wie ein Luxus an, den man sich gerade nicht leisten kann.

Was dabei übersehen wird, ist wer sich diese Zeit nicht nimmt, zahlt sie später doppelt. Denn wer Menschen nicht wirklich einbezieht, wertet auch ihre Expertise ab. Das fällt einem später auf die Füße, meistens dann, wenn der Widerstand so groß geworden ist, dass deutlich mehr Energie für die Bewältigung nötig ist als die Beteiligung je gekostet hätte.

Die Bereitschaft von Mitarbeitenden, Veränderungen aktiv zu unterstützen, ist laut Gartner in den vergangenen Jahren deutlich gesunken – während die Zahl der Veränderungsinitiativen in Unternehmen gleichzeitig stark angestiegen ist. (Gartner Workforce Change Survey, 2022) Menschen sind nicht grundsätzlich veränderungsunwillig. Sie sind erschöpft von Veränderungen, die ihnen passieren, statt mit ihnen gestaltet zu werden.

Beteiligung ist keine Wohlfühlmaßnahme

Das Missverständnis, das mir häufig begegnet, ist, dass Beteiligung mit Zustimmung gleichgesetzt wird. Wenn ich Menschen beteilige, muss ich am Ende einen Konsens liefern. Das stimmt nicht.

Echte Beteiligung bedeutet, Menschen früh einzubeziehen, wenn Entscheidungen noch offen sind, ihre Perspektiven tatsächlich einzuarbeiten und auch unbequeme Rückmeldungen auszuhalten. Gartner zeigt, dass Organisationen, die das konsequent tun, Change Fatigue um 29 Prozentpunkte senken können. (Gartner, Pressemitteilung Oktober 2022)

Pseudo-Partizipation hingegen, also das Gefühl von Beteiligung bei bereits feststehendem Ergebnis, zerstört Vertrauen schneller als eine offene Direktive. Menschen merken sehr genau, ob ihre Stimme zählt.

Was das für Führungskräfte bedeutet

Der ehrlichere Satz lautet nicht „wir nehmen alle mit“. Er lautet: Wir bieten jedem die Möglichkeit mitzukommen. Wir investieren in echte Beteiligung, weil wir wissen, dass uns das später Zeit spart und die Veränderung nachhaltiger macht. Wir führen klare Gespräche mit denen, die blockieren, statt endlos zu erklären und zu warten.

Das ist kein weiches Thema. Es ist eine Frage der Effizienz.

Autorin: Anna-Lisa Hecht

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