Führung entscheidet über Vereinbarkeit

17. Juni 2026 | Autorin: Nadine Schulz |5 Min.

Vereinbarkeit wird in Unternehmen oft noch als Frage von Angeboten verstanden: Gibt es Homeoffice? Teilzeitmodelle? Elternnetzwerke? Flexible Arbeitszeiten? All das ist wichtig. Aber im Arbeitsalltag entscheidet sich Vereinbarkeit selten in einer Richtlinie. Sie entscheidet sich in einem Satz, einer Mimik, einer Kalenderentscheidung, einem Meetingtermin.

Und damit sehr oft: durch Führung.

Denn Mitarbeitende lesen nicht nur, was offiziell möglich ist. Sie beobachten, was tatsächlich erlaubt ist. Wie reagiert meine Führungskraft, wenn mein Kind krank ist? Wird ein Vater ermutigt, länger Elternzeit zu nehmen oder belächelt? Darf ich sagen, dass ich nachmittags nicht spontan verfügbar bin? Wird Teilzeit als Organisationsaufgabe verstanden oder als persönliches Problem?

Führung entscheidet über Vereinbarkeit

Genau hier liegt der Unterschied zwischen familienfreundlichen Maßnahmen und einer vereinbarkeitsorientierten Kultur.

In Vorträgen und Workshops mit Führungskräften zeigt sich immer wieder: Die meisten wollen Vereinbarkeit ermöglichen. Sie wollen fair sein, gute Lösungen finden und niemanden benachteiligen. Gleichzeitig stehen sie selbst unter Druck. Projekte müssen laufen, Ziele erreicht, Teams stabil gehalten werden. Und dann entsteht schnell die Frage: Was ist eigentlich fair, wenn alle unterschiedliche Bedürfnisse haben?

Die Antwort ist nicht immer einfach. Aber ein wichtiger erster Schritt ist, nicht zu raten, sondern zu fragen. Eine der stärksten Führungsfragen lautet: „Was brauchst du, damit du deiner Arbeit und deiner privaten Verantwortung gerecht werden kannst?“ Diese Frage verschiebt den Fokus. Weg vom Problem. Hin zur Lösung.

Denn Care-Verantwortung ist kein Sonderfall. Sie ist Teil der Lebensrealität vieler Menschen: Kinder, pflegebedürftige Angehörige, gesundheitliche Belastungen, familiäre Ausnahmesituationen. Allein zehn Prozent der Beschäftigten pflegen nebenbei eine Angehörige oder einen Angehörigen, im Durchschnitt über sieben Jahre. Führung, die diese Realitäten ignoriert, verliert Menschen nicht unbedingt sofort, aber sie verliert Vertrauen, Energie, Bindung und oft langfristig auch die Mitarbeitenden. Laut einer Stepstone-Studie kehrt etwa jede dritte Frau nach der Elternzeit nicht zu ihrem früheren Arbeitgeber zurück, nur rund die Hälfte findet in ihre alte Position zurück.

Dabei braucht vereinbarkeitsorientierte Führung nicht immer große Programme. Häufig beginnt sie bei ganz praktischen Entscheidungen: wichtige Termine nicht ohne Not in Randzeiten legen. Grippewellen nicht jedes Jahr als Überraschung behandeln. Rückkehrer aus der Elternzeit nicht entweder überfordern oder aus falsch verstandener Rücksicht ausbremsen. Eltern nicht automatisch als weniger ambitioniert betrachten. Und Teilzeit nicht als Karriereknick, sondern als Führungs- und Organisationsaufgabe denken.

Ein besonders wirksamer Hebel ist Vorbildverhalten. Derzeit nehmen zwar knapp die Hälfte aller Väter Elternzeit, im Schnitt aber nur 3,8 Monate, verglichen mit 14,6 Monaten bei Müttern. Solange längere Auszeiten bei Vätern stillschweigend als Karriererisiko gelten, bleibt Care-Arbeit zuhause ungleich verteilt. Wenn Führungskräfte selbst sichtbar Grenzen setzen, Betreuungszeiten im Kalender markieren oder offen über Care-Verantwortung sprechen, verändert sich der Raum für alle. Dann wird Vereinbarkeit nicht zur heimlichen Ausnahme, sondern zu etwas, das professionell organisiert werden darf.

Wichtig ist auch: Elternschaft oder Pflegeverantwortung bedeutet nicht automatisch weniger Leistungsfähigkeit. Im Gegenteil. Wer privat Verantwortung trägt, trainiert oft genau die Kompetenzen, die moderne Führung braucht: Priorisieren, kommunizieren, verhandeln, loslassen, Vertrauen schenken, Konflikte lösen, mit Unsicherheit umgehen. In einem Workshop platze diese Erkenntnis förmlich aus einem Teilnehmer heraus: „Dann ist Elternschaft ja eigentlich eine komplette Leadership-Ausbildung.“ Genau dieser Perspektivwechsel ist entscheidend.

Vereinbarkeit ist deshalb kein weiches Thema. Sie ist ein Führungs- und Wirtschaftsthema. Würden Mütter so arbeiten können, wie sie es sich wünschen, entstünden laut Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung netto rund 325.000 zusätzliche Vollzeitäquivalente, selbst wenn Väter im Gegenzug etwas kürzertreten. In Zeiten von Fachkräftemangel und demografischem Wandel können Unternehmen es sich schlicht nicht leisten, Menschen zu verlieren, nur weil ihre Lebensrealität nicht in alte Arbeitslogiken passt.

Führung entscheidet über Vereinbarkeit, weil Führung den Alltag gestaltet. Sie entscheidet, ob Menschen sich erklären müssen oder Lösungen finden dürfen. Ob Care als Störung gilt oder als Teil eines erwachsenen Arbeitslebens. Ob Leistung nur über Verfügbarkeit definiert wird oder über Verantwortung und Ergebnisse.

Wer heute gut führen will, muss sich trauen, sich zu kümmern. Nicht zusätzlich zur eigentlichen Führungsaufgabe. Sondern als Teil davon.

Autorin: Nadine Schulz

Quelle: https://www.stepstone.de/e-recruiting/hr-wissen/arbeitsmarkt/vereinbarkeit-familie-und-beruf/

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