Überlastung kommt auf leisen Pfoten – Warnzeichen für Überlastung im Team

03. September 2026 | Autorin: Dr. Elvira Radaca und Julia Becker |4 Min.

Wenn Führungskräfte wissen wollen, ob ihr Team überlastet ist, fällt der Blick häufig zuerst auf die Überstundenkonten. Die Logik dahinter ist einfach: viele Überstunden, hohe Belastung. Wenige Überstunden, alles im grünen Bereich.

Überlastung

So einfach ist es leider nicht.

Ein hohes Überstundenkonto zeigt zunächst einmal, dass jemand viel gearbeitet hat. Ob diese Person ihre Arbeit als belastend erlebt und wie lange sie dieses Pensum durchhalten kann, lässt sich daraus kaum ablesen. Umgekehrt kann jemand seine vertragliche Arbeitszeit einhalten und trotzdem längst an der eigenen Grenze angekommen sein.

Das ist gerade jetzt relevant. Viele Unternehmen bauen Personal ab oder besetzen frei werdende Stellen nicht neu. Die Zahl der Projekte und Aufgaben sinkt jedoch häufig nicht im gleichen Maß. Die verbleibende Arbeit verteilt sich auf weniger Schultern.

Das Problem: Überlastung kündigt sich selten mit einem großen Knall an. Oft verändert sich zunächst der Arbeitsalltag.

Ein erstes Warnzeichen sind mehr kleine Fehler. Zahlen werden vertauscht, Absprachen vergessen oder Aufgaben übersehen. Wo Menschen viele Dinge gleichzeitig im Kopf behalten müssen, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass etwas durchrutscht.

Auch zunehmendes Improvisieren kann ein Hinweis sein. Probleme werden kurzfristig gelöst, damit es weitergeht. Für die Suche nach Ursachen oder eine dauerhafte Lösung fehlt die Zeit. Das gleiche Muster zeigt sich bei der Vorbereitung: Unterlagen kommen später, Aufgaben aus vergangenen Terminen bleiben offen oder Ergebnisse werden weniger sorgfältig ausgearbeitet.

Hinzu kommt ein wachsender Berg angefangener Arbeit. Eine Aufgabe beginnt, dann taucht etwas Dringenderes auf. Termine werden verschoben, Fristen verlängert. Die Beschäftigten arbeiten permanent, trotzdem wird immer weniger wirklich abgeschlossen.

Besonders aufschlussreich ist schließlich der Umgang miteinander. In gut funktionierenden Teams helfen Kolleginnen und Kollegen häufig, wenn es bei jemandem eng wird. Unter hoher Belastung nimmt diese gegenseitige Unterstützung oft ab. Die anderen sehen durchaus, dass Hilfe nötig wäre. Sie haben selbst keine Kapazitäten mehr dafür.

Besonders leicht werden diese leisen Signale übersehen, wenn Teams viel im Homeoffice, remote oder über mehrere Standorte hinweg arbeiten. Im Büro bekommt man vieles nebenbei mit: Die Kollegin wirkt seit Tagen angespannt, der sonst hilfsbereite Kollege hat plötzlich für niemanden mehr Zeit oder jemand kommt kaum noch dazu, seine Aufgaben ordentlich vorzubereiten. Wenn man sich nur selten persönlich sieht, fallen solche Beobachtungen schneller weg. Kolleg:innen und insbesondere Führungskräfte sind deshalb stärker gefordert, auf Veränderungen im Arbeitsalltag zu achten und gezielt nachzufragen.

Schulungen und Trainings können dabei helfen, frühe Warnzeichen besser zu erkennen und angemessen darauf zu reagieren. Mindestens ebenso wichtig ist ein Arbeitsumfeld, in dem Menschen offen sagen können, dass es zu viel wird, ohne befürchten zu müssen, als wenig belastbar zu gelten. Je größer das Vertrauen im Team, desto größer die Chance, dass Überlastung angesprochen wird, bevor sie ernsthafte Folgen hat.

Bis dahin sind Führungskräfte jedoch darauf angewiesen, Veränderungen im Arbeitsalltag wahrzunehmen und richtig einzuordnen. Keines der genannten Anzeichen beweist für sich genommen, dass ein Team überlastet ist. Häufen sich mehrere davon oder treten sie plötzlich häufiger auf, lohnt es sich, genauer hinzusehen.

Denn Überlastung lässt sich oft erkennen, lange bevor das Überstundenkonto rot wird – und bevor der erste Mitarbeiter sagt: „Ich kann nicht mehr.“

Autorin: Dr. Elvira Radaca

Autorin: Julia Becker

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