Wenn KI den Menschen vergisst: Was die digitale Transformation mit der mentalen Gesundheit von Mitarbeitenden macht
Warum HR die menschliche Seite des AI-Act unbedingt berücksichtigen muss.
17. Juni 2026 | Autorin: Helga Gruber |4 Min.
Seit Anfang 2025 gilt der EU AI Act. Unternehmen sind verpflichtet, ihre Mitarbeitenden im Umgang mit künstlicher Intelligenz zu schulen: Datenschutz, Fehlerhandhabung, Compliance. Das ist wichtig. Doch in den meisten Schulungsprogrammen fehlt eine entscheidende Dimension vollständig: die mentale Gesundheit der Menschen, die täglich mit diesen Systemen arbeiten.
Als jemand, der seit 20 Jahren in der Prävention tätig ist und gleichzeitig viele Jahre als HR Business Partnerin in mittelständischen Unternehmen gearbeitet hat, beobachte ich gerade ein besorgniserregendes Muster: Der Stressindex steigt. Mitarbeitende funktionieren noch, aber die Energie dahinter bricht leise ein. Der Wechsel vom Begeisterungsmodus in den Überlebensmodus vollzieht sich schleichend, fast unsichtbar, bis er sich in Krankenständen und Präsentismus niederschlägt.
Eine Studie der UC Berkeley, die über acht Monate 200 Beschäftigte eines Technologieunternehmens begleitete, zeigt, dass Angestellte mit Zugang zu KI-Tools ihren Aufgabenbereich ausdehnen, länger arbeiten und sich häufiger im Multitasking verlieren. Das Paradox ist real: KI sollte entlasten, führt aber unter den falschen Bedingungen zu mehr, nicht weniger Stress.

Das neue Erschöpfungsmuster: KI-Brain-Fry
Neben dem klassischen Burnout taucht in der Forschung ein neues Phänomen auf, das als „KI-Brain-Fry“ beschrieben wird: eine akute kognitive Überlastung, die entsteht, wenn die Interaktion mit KI-Systemen die Verarbeitungskapazität des Arbeitsgedächtnisses dauerhaft überschreitet. Statt kreativ zu gestalten, müssen Mitarbeitende maschinell erzeugte Ergebnisse bewerten, verifizieren und verfeinern. Das klingt einfacher, fordert das Gehirn aber auf eine spezifische und erschöpfende Art.
Was HR-Verantwortliche besonders aufhorchen lassen sollte
Erwerbstätigen nehmen laut der Mavie Stress Studie 2025 keinen einzigen Krankenstandstag, obwohl sie unter eindeutigen Stresssymptomen leiden. Sie erscheinen, aber sie leisten nur einen Bruchteil ihres Potenzials. Präsentismus ist der stille Produktivitätskiller, der in keiner Fehlzeitenstatistik auftaucht und dennoch laut wissenschaftlicher Forschung für doppelt so viel Produktivitätsverlust verantwortlich ist wie Absentismus.
Psychisch bedingte Krankenstände, wenn sie eintreten, dauern dann wesentlich länger.
Der frühe Einstieg in Prävention ist deshalb nicht nur eine Frage des Wohlbefindens, sondern eine betriebswirtschaftliche Entscheidung.
Was HR jetzt konkret tun kann
Die gute Nachricht: Unternehmen, die jetzt strukturell handeln, können gegensteuern. Dabei geht es um echte Veränderungen auf drei Ebenen.
Auf der individuellen Ebene brauchen Mitarbeitende konkrete Werkzeuge für den mentalen Umgang mit Beschleunigung: Resilienz Training, das kognitive Umstrukturierung mit Stressmanagement-Techniken verbindet und ein bewusstes Verständnis der eigenen Energiereserven. Wer weiß, wie das eigene Nervensystem auf Dauerstress reagiert, kann frühzeitig gegensteuern.
Auf der Führungsebene müssen Führungskräfte lernen, die subtilen Frühzeichen von KI-bedingter Erschöpfung zu erkennen: nachlassende Ergebnisqualität, steigende Fehlerquoten, Rückzug aus dem Team. Nur 20 % der betroffenen Mitarbeitenden sprechen von sich aus über ihre mentale Belastung. Die Initiative muss von Führung kommen.
Auf der strukturellen Ebene braucht es klare interne Regelungen zur KI-Nutzung, eine Arbeitsplatzevaluierung psychischer Belastungen gemäß ASchG sowie ein Gesundheitsmanagement, das die Transformation nicht als Sonderprojekt behandelt, sondern als kontinuierliche Aufgabe versteht. Ab 2026 verschärfen neue EU-Berichtspflichten diese Anforderungen weiter. Psychosoziale Risikoprävention wird zur verbindlichen Managementaufgabe.
Die Frage, die HR sich stellen muss
Der AI-Act schult Compliance. Aber wer schult die Menschen darin, wie sie mental mit dieser Geschwindigkeit Schritt halten? Wer begleitet Mitarbeitende dabei, den Unterschied zwischen produktivem KI-Einsatz und selbstschädigender Überarbeitung zu erkennen?
Unternehmen, die Gesundheit als Nebenthema behandeln, werden die steigenden Krankenstände bald in der Bilanz spüren. Unternehmen, die jetzt in die menschliche Seite der KI-Transformation investieren, schaffen etwas, das kein Tool replizieren kann: Vertrauen, Engagement und echte Leistungsbereitschaft.
Fit für den AI-Act zu sein reicht nicht. Es braucht Unternehmen, die auch fit für das sind, was er mit den Menschen macht.
Autorin: Helga Gruber
Quellen:
Ranganathan, A. & Ye, X. M. (2026). AI Doesn’t Reduce Work – It Intensifies It. Harvard Business Review, Februar 2026. Verfügbar unter: hbr.org/2026/02/ai-doesnt-reduce-work-it-intensifies-it
Mavie GmbH (2025). Mavie Mental Health & Stress Studie 2025. Wien. Verfügbar unter: mavie.care/de-AT/stress-studie-2025
