Wenn Teilzeitkräfte keine Chance haben – Warum unsere Arbeitswelt dringend flexibler werden muss

Laura, 37 Jahre alt, sitzt mir gegenüber, ihre Stimme zittert leicht, ihr Blick wirkt verzweifelt. Zehn Jahre lang war sie eine treue und engagierte Mitarbeiterin, die stets Verantwortung übernommen und ihre Arbeit zuverlässig erledigt hat. Ihre beiden kleinen Kinder müssen bereits um 14 Uhr aus Schule und Kita abgeholt werden, deshalb hat sie sich für eine Teilzeitstelle entschieden. Auf Pausen verzichtet sie, denn jede Minute, die sie länger auf der Arbeit sitzt, fehlt ihr später Zuhause. Seit der Geburt ihrer Kinder hat sie gelernt, ihre Arbeit effizient zu erledigen, so dass sie ihre Familie und die Arbeit in Einklang bringen kann.

Emotionale Intelligenz

Doch dann kam ein neuer Chef, und plötzlich änderte sich alles. Der Ton im Büro wurde schärfer, die Erwartungen unberechenbarer. Laura fühlte sich ständig unter Druck, konnte jedoch nie genau wissen, was der Chef von ihr erwartete. Sie gab ihr Bestes, aber es schien nie genug zu sein. Die Unsicherheit und der Stress haben sie schließlich dazu gebracht, den schweren Schritt zu gehen und zu kündigen.

Und jetzt sitzt sie hier, hochqualifiziert und motiviert, aber seit Monaten ohne Erfolg auf der Suche nach einer neuen Stelle. Die meisten Stellenangebote sind auf Vollzeitkräfte ausgerichtet, und wenn Laura sich für weniger Stunden bewirbt, wird sie oft abgelehnt.
Wenn sie zu einem Gespräch eingeladen wird, scheitert sie an der fehlenden Flexibilität. Die Arbeitgeber erwarten, dass sie sich an die Bedürfnisse des Unternehmens anpasst, aber Laura braucht eine Stelle, die es ihr ermöglicht, Familie und Beruf in Einklang zu bringen.
Die Absagen häufen sich, und Laura beginnt an sich und ihrer Qualifikation zu zweifeln. Ebenso beginnt sie bei der Berufswahl immer mehr und mehr Kompromisse einzugehen, bis sie das Gefühl hat, sich vollkommen zu verbiegen. Auch bewirbt sie sich auf Stellen, die weit unter ihrer Qualifikation liegen. „Schade“ denkt sie sich. Ihr Potential möchte sie eigentlich gerne nutzen.

Leider ist Laura keine Ausnahme. Sie ist eine von vielen hochqualifizierten Fachkräften, die aufgrund ihrer Lebenssituation nur in Teilzeit arbeiten können. Mütter, pflegende Angehörige, Menschen mit gesundheitlichen Einschränkungen oder solche, die bewusst aus Gründen der Selbstfürsorge auf eine Vollzeitstelle verzichten, sie alle stoßen auf dieselben unsichtbaren Barrieren.

Dabei geht es selten um mangelnde Qualifikation. Im Gegenteil: Die Fähigkeiten, Erfahrungen und Kompetenzen sind da, die Motivation ebenso.

Trotzdem bleibt der Zugang zu neuen Jobs für Teilzeitkräfte oft verschlossen. Die Gründe hierfür sind vielfältig und komplex. Einerseits fehlt es Organisationen an Flexibilität und Innovationsbereitschaft, da viele Unternehmen auf bewährte Pfade setzen und sich nicht trauen, neue Wege zu beschreiten. Zudem hält die Angst vor möglichen Konsequenzen, wenn eine Teilzeitstelle nicht wie geplant funktioniert, viele Unternehmen zurück. Darüber hinaus fehlen oft die notwendigen Kapazitäten zur Umstrukturierung und Anpassung an neue Anforderungen. Als Folge davon bevorzugen Unternehmen oft die vermeintliche Sicherheit einer Vollzeitkraft, auch wenn deren Qualifikation unter der einer potentiellen Teilzeitkraft liegt. Denn der Arbeitsalltag soll möglichst reibungslos weiterlaufen, ohne dass man sich mit neuen Herausforderungen auseinandersetzen muss. Erst wenn der Fachkräftemangel stark wird, überdenken manche Unternehmen ihre Strategie und suchen nach neuen Lösungen.

Und genau hier liegt unser gesellschaftliches Problem: Unternehmen lassen Potenzial ungenutzt und Menschen werden systematisch ausgeschlossen.

Laut einer Umfrage von Randstadt und ifo, die Ende 2024 veröffentlicht wurde, planen nur 41% der deutschen Unternehmen, in den nächsten fünf Jahren neue Teilzeitstellen zu schaffen. Dies bedeutet, dass 59% der Unternehmen für externe Teilzeitkräfte faktisch nicht zugänglich sind.
Die Diskriminierung von Teilzeitkräften geht jedoch noch weiter und offenbart ein deutliches Versagen unserer Gesellschaft und des Arbeitsmarktes. Wie das Haufe Personalmagazin in seiner Ausgabe 01/2025 berichtet, liegt der durchschnittliche Bruttostundenverdienst bei Teilzeitkräften bei 18,77 €, während Vollzeitkräfte durchschnittlich 25,89 € pro Stunde verdienen. Interessanterweise hängen diese Unterschiede nicht vom Qualifikationsniveau der Mitarbeitenden ab, sondern sie ergeben sich auch bei vollkommen gleichen Fähigkeiten und Kompetenzen. Diese erhebliche Lohnlücke zwischen Teilzeit- und Vollzeitkräften ist ein alarmierendes Zeichen für die Ungleichbehandlung von Teilzeitbeschäftigten auf dem deutschen Arbeitsmarkt.

Als langjährige Personalerin frage ich mich: Wo bleibt hier die Nachhaltigkeit im Denken? Wo die gesellschaftliche Verantwortung?
Ist es nicht besser, langfristig zu planen, sich einmal die Zeit zu nehmen und Routinen für flexible Arbeitsmodelle zu etablieren? Ja, es erfordert anfänglich Mehrarbeit, Organisation und Mut, aber die Vorteile werden überwiegen: eine größere Auswahl bei der Einstellung, motivierte Mitarbeitende, die die bessere Vereinbarkeit von Beruf und Leben wertschätzen, geringere Ausfallzeiten, weniger Fluktuation und last but not least ein klares Signal für gesellschaftliche Verantwortung.

Autorin: Ann-Katrin Eckert

Quellen:
Randstad und ifo (2024). Randstad-ifo-Umfrage: Deutsche Unternehmen zögern, Teilzeitstellen anzubieten. Pressemitteilung, 19. September 2024. Verfügbar unter: https://www.ifo.de/en/press-release/2024-09-19/randstad-ifo-survey-german-companies-more-reluctant-offer-part-time-work

Haufe Personalmagazin, Ausgabe 01/2025, Titel des Artikels: In der Teilzeitfalle, S. 16

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