Zwischen Anspruch und Alltag. Der Konstruktionsfehler beim Einstieg in Führung.

5. August 2026 | Autorin: Alina Wende |3 Min.

Organisationen investieren viel Zeit in Beförderungsentscheidungen. Dem Übergang in die neue Aufgabe schenken sie deutlich weniger Aufmerksamkeit. Für mich ist das einer der häufigsten Gründe, weshalb der Einstieg in Führung unnötig schwer wird.

Ich kenne diesen Wechsel aus eigener Erfahrung. Ich war fachlich stark, erfolgreich in meinem operativen Bereich und die Beförderung war die logische Konsequenz meiner Zahlen. Fachlich überzeugt bedeutete führungsbereit. So lautete die stille Rechnung.

Meine Aufgaben blieben. Die KPIs wurden nur leicht nach unten korrigiert. Gleichzeitig sollte ich strategischer arbeiten, Entscheidungen treffen und ein Team führen, das mich am Vortag noch als Kollegin erlebt hatte. Zusätzliche Zeit war dafür nicht vorgesehen. Also habe ich sie mir selbst genommen, aus Abenden, Wochenenden und Nächten.

Je mehr Führungskräfte ich begleite, desto seltener wirkt diese Erfahrung wie ein Einzelfall.

Wer erstmals Führungsverantwortung übernimmt, soll Orientierung geben, Konflikte klären, Mitarbeitende entwickeln, schwierige Entscheidungen treffen und Veränderungen begleiten. Diese Erwartungen sind berechtigt. Nur: Wann soll das alles stattfinden?

Alina Wende - Führung

Was bedeutet das für den Alltag?

In vielen Unternehmen bleibt das operative Geschäft bestehen. Hinzu kommen Personalgespräche, Entscheidungen, Verantwortung und die Erwartung, Menschen gut zu führen.

Die Aufgaben verändern sich. Der Kalender kaum.

Die Folgen zeigen sich im Alltag. Mitarbeitergespräche werden verschoben, Feedback findet zwischen Tür und Angel statt, die Entwicklung des Teams wartet auf ruhigere Wochen, Führungskräfte verlängern ihre Arbeitstage, Teams bleiben unter ihren Möglichkeiten.

In meiner Arbeit beobachte ich zudem häufig, dass Frauen die Ursache zunächst bei sich selbst suchen. Wir sprechen über Selbstzweifel, Perfektionismus oder das Gefühl, den Anforderungen nicht gerecht zu werden. Die Rahmenbedingungen der Führungsaufgabe verdienen deutlich früher dieselbe Aufmerksamkeit.

Welche Rolle spielt HR dabei?

Der Übergang beginnt lange vor dem ersten Arbeitstag in Führungsverantwortung. Bereits die Beförderungsentscheidung verdient einen zweiten Blick. Fachliche Spitzenleistung beantwortet eine andere Frage als Führungspotenzial.

Ebenso entscheidend sind die ersten Monate. Regelmäßige Reflexionsgespräche, ein internes Mentoring oder ein externes Coaching helfen dabei, den Wechsel bewusst zu gestalten. Es geht um neue Beziehungen, andere Entscheidungen, Loyalitätskonflikte, Unsicherheiten und den eigenen Führungsstil. All das entwickelt sich nicht automatisch mit einer neuen Stellenbezeichnung.

HR kann diesen Prozess anstoßen und begleiten, nur allein gestalten kann HR ihn selten. Wie viel Raum Führung im Alltag tatsächlich bekommt, entscheidet sich vor allem dort, wo Ziele vereinbart, Arbeitsumfänge festgelegt und Leistung bewertet werden. Diese Verantwortung tragen Geschäftsführung, Führungsebene und HR gemeinsam.

Die Beförderung verändert die Aufgabe. Der Kalender sollte sich mitverändern.

Autorin: Alina Wende

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