Krankheit sitzt mit im Meeting und bleibt oft unbeachtet
04. Mai 2026 | Autorin: Marion Bonke |7 Min.
Montagmorgen, das erstes Meeting der Woche steht an. Die Agenda ist voll, alle sind da, die Themen sind klar verteilt. Auf den ersten Blick läuft alles wie gewohnt. Und trotzdem sitzt in vielen Meetings jemand mit am Tisch, der auf keiner Teilnehmerliste steht: die Krankheit.
Nicht immer sichtbar und selten Thema, aber sie ist im Alltag vieler Mitarbeitenden präsent. Krankheit findet eben nicht nur beim Arzt oder während längerer Ausfallzeiten statt, sondern mitten im Leben. Mitarbeitende kommen zur Arbeit, obwohl es ihnen nicht gut geht, organisieren Arztbesuche nebenbei oder kümmern sich um erkrankte Angehörige.

Zahlen und Realität: Krankheit ist Alltag
Ein Blick auf die Zahlen zeigt, wie groß die Dimension ist. Rund 50 %*1 der Erwachsenen arbeiten mit einer chronischen Erkrankung oder einem lang andauernden Gesundheitsproblem. Gleichzeitig geben 63 %*2 an, gearbeitet zu haben, obwohl sie sich „richtig krank gefühlt“ haben. Krankheit ist damit keine Ausnahme, sondern Teil des Arbeitsalltags.
Warum Krankheit im Arbeitsalltag unsichtbar bleibt
Diese Unsichtbarkeit hat viele Gründe. Chronische Erkrankungen verlaufen selten linear, Symptome werden ausgehalten oder überspielt. Viele Mitarbeitende sprechen ihre Situation nicht offen an, aus Sorge vor Stigmatisierung oder weil sie ihre Leistungsfähigkeit nicht infrage stellen wollen. Noch weniger sichtbar ist die Verantwortung für erkrankte Angehörige, die viele parallel zum Beruf übernehmen. Organisation, Entscheidungen und Unsicherheiten laufen im Hintergrund mit, ohne dass sie im Unternehmen adressiert werden.
Auswirkungen auf Leistungsfähigkeit und Fehlzeiten
Mitarbeitende arbeiten trotz Einschränkungen weiter, treffen Entscheidungen unter Unsicherheit oder verschieben notwendige Maßnahmen, weil der Alltag es vermeintlich nicht anders zulässt.
Die Folge sind Präsentismus, reduzierte Leistungsfähigkeit und steigende Fehlzeiten. Die Kosten und Risiken von Präsentismus sind hinlänglich bekannt. Es entsteht oft dort, wo Arbeitsbelastung hoch ist, wo Mitarbeitende von einer schlechten Unternehmenskultur berichten oder wo Unsicherheit in Bezug auf den eigenen Arbeitsplatz besteht. Nicht selten geht es darum, Arbeit zu bewältigen oder mögliche Nachteile durch eine Arbeitsunfähigkeit zu vermeiden.
Führungskräfte nehmen diese Veränderungen durchaus wahr, sind dann aber im Umgang damit häufig unsicher. Zwischen Wahrnehmung und Handlung entsteht eine Lücke, in der Belastung bestehen bleibt, statt aktiv aufgegriffen zu werden.
BGM ist richtig und wichtig, aber oft nicht alltagsnah genug
In vielen Unternehmen ist das betriebliche Gesundheitsmanagement (BGM) gut aufgestellt. Die psychologische Gefährdungsbeurteilung ist durchgeführt, Maßnahmen zur Gesundheitsförderung sind etabliert. Und dennoch zeigt sich in der Praxis immer wieder eine Diskrepanz zwischen bestehenden Angeboten und den tatsächlichen Bedarfen im Alltag der Mitarbeitenden.
Denn gesundheitliche Fragestellungen entstehen selten im Rahmen geplanter Maßnahmen, sondern situativ und häufig außerhalb klassischer Arbeitszeiten.
Gesundheitskompetenz entscheidet im entscheidenden Moment
Viele Mitarbeitende stehen im Alltag vor Fragen, für die es keine unmittelbare Orientierung gibt. Was ist jetzt der richtige Schritt? Abwarten oder handeln? An wen kann ich mich wenden?
In diesen Momenten zeigt sich, dass Informationen allein nicht ausreichen. Entscheidend ist, ob sie im richtigen Moment verfügbar sind und in konkretes Handeln überführt werden können. Der Verhaltensforscher Konrad Lorenz beschreibt es treffend: „Gehört ist noch nicht verstanden, verstanden ist noch nicht einverstanden, einverstanden ist noch nicht angewendet, angewendet ist noch nicht beibehalten.“

Übertragen auf den Arbeitskontext bedeutet das: Gesundheitsangebote entfalten erst dann Wirkung, wenn sie im Alltag tatsächlich erreichbar sind und angewendet werden können.
Alltagstaugliche Unterstützung als Ergänzung
Genau hier zeigt sich, wo strukturierte BGM-Maßnahmen an ihre Grenzen stoßen. Denn was Mitarbeitende in konkreten Momenten brauchen, ist keine weitere Information im Intranet – sondern Orientierung. Jemanden, der eine medizinische Frage einordnen kann, der weiß, wie man im Gesundheitssystem schnell den richtigen Weg findet, und der auch dann noch erreichbar ist, wenn der Arbeitstag eigentlich schon voll ist.
Das gilt genauso für die stille Belastung, die viele parallel zum Job tragen: die Verantwortung für erkrankte Angehörige. Auch hier entstehen Fragen nicht im geplanten Rahmen, sondern situativ und oft ohne eine naheliegende Anlaufstelle.
Unternehmen, die ihren Mitarbeitenden solche niedrigschwelligen Zugänge ermöglichen, investieren nicht in ein weiteres Angebot auf der Liste. Sie schaffen die Voraussetzung dafür, dass Mitarbeitende in belastenden Situationen handlungsfähig bleiben und Belastungen nicht erst dann sichtbar werden, wenn sie sich bereits auf Leistung, Fehlzeiten oder das Team ausgewirkt haben.
“Fazit”
Ein Drittel unseres Lebens verbringen wir im beruflichen Kontext. Und trotzdem wird Gesundheitsmanagement in vielen Unternehmen noch immer eher als zusätzlicher Benefit verstanden. Dabei ist es die Grundvoraussetzung für ein
gesundes und stabiles Arbeitsverhältnis.
Krankheit gehört längst zum Arbeitsalltag. Sie ist da, auch wenn sie nicht immer sichtbar ist, und sie begleitet viele Mitarbeitende durch ihre täglichen Entscheidungen.
Die entscheidende Frage ist daher nicht, ob sie präsent ist, sondern wie bewusst wir damit umgehen und ob wir Mitarbeitende gerade in den Momenten unterstützen, in denen sie Orientierung und Sicherheit brauchen.
Denn genau dort entscheidet sich, ob Gesundheitsmanagement Wirkung entfaltet – nicht in Konzepten, sondern im Alltag.
Autorin: Marion Bonke
Quellen:
*1: Robert Koch-Institut. Chronisches Kranksein (ab 18 Jahre). Gesundheitsberichterstattung
des Bundes. 2025 [zitiert: 17. April 2026] Verfügbar auf https://gbe.rki.de
*2: DGB-Index Gute Arbeit Kompakt 01/2025
